12 Questions mit Andreas H. Ubell
Andreas H. Ubell begleitet den österreichischen Football seit vielen Jahren – als Platzsprecher, Football-Stimme und durch den CTVau Football Video-Log. Im EFA-Talk spricht er über seine ersten Schritte, Gameday-Atmosphäre, österreichischen Football, EFA/AFLE und die Bedeutung der Fans.
Ein starkes Interview mit jemandem, der Football nicht nur seit Jahren begleitet, sondern ihn am Gameday selbst mit Stimme, Energie und Leidenschaft mitgestaltet.
Andreas, wie bist du damals zum American Football gekommen?
Ich kam zum Football, weil mein Sohn 1996 mit neun Jahren mit dem Footballsport begonnen hat.
Ein Jahr später war ich Nachwuchsadmin bei den Vienna Vikings. Was tut man nicht alles für den Sohnemann. 😄
Den ersten Super Bowl habe ich schon 1997 mitverfolgt, als die Packers gegen die Patriots gewonnen haben. Ziemlich rasch hat mich dieser Sport in seinen Bann gezogen.
Vor 20 Jahren war ich sogar selbst aktiv im Flagfootball – mit einem Flag-Championtitel 2005. Das war toll.
Du bist seit 1998 als Platzsprecher im Football aktiv. Wie hat diese Reise damals begonnen?
Begonnen hat alles mit meinem Sohn Daniel, der 1996 bei den Vikings im Nachwuchs spielte.
Dann fragte mich Karl Wurm, der Präsident der Vikings, ob ich mir zutrauen würde, einmal ein Spiel zu begleiten.
Mit einer Pause von acht Jahren, von 2008 bis 2016, bin ich bis heute sogar in der AFL und den Divisionen 1, 2 und 3 am Mikro.
Unter anderem bei den Vienna Knights, Red Tigers, Ebenfurth Mustangs, Danube Dragons, Blue Hawks und Carnuntum Legionaries.
Was fasziniert dich bis heute daran, Football nicht nur als Fan zu erleben, sondern als Stimme am Gameday aktiv mitzugestalten?
Die Atmosphäre, wenn ein Spiel in eine entscheidende Phase geht, ein Turnover passiert oder das Momentum kippt – das ist Adrenalin pur.
Und wenn man die Fans abholen kann, ihnen Infos zu Spielzügen, Spielern oder Handzeichen der Refs vermitteln kann, dann macht das richtig Spaß.
Das Allerwichtigste ist aber: In meinem Umfeld sind zu 98 Prozent total liebenswerte Menschen dabei.
Genau diese Menschen machen den Spaß aus.
Du hast über die Jahre im Nachwuchsbereich, beim Vikings Farmteam sowie in der AFL, AFL Division 1, 2 und 3 für verschiedene Teams gearbeitet. Was hat dich diese lange Zeit im österreichischen Football besonders gelehrt?
Regel Nummer 1: Niemals einen Ref via Mikro korrigieren.
Regel Nummer 2: Ein gut ausgebildeter Ref sieht stets mehr als jeder andere im Stadion – wenn man anwesende Ex-Spieler oder Refs abseits des Fields ausnimmt.
Regel Nummer 3: Das Heimteam ist „mein Team“, aber vergiss niemals den Respekt gegenüber dem Gastteam.
Regel Nummer 4: Unterschätze niemals ehrgeizige Eltern. Die können mitunter extrem unangenehm sein.
Wie hat sich der österreichische Football seit deinen Anfängen aus deiner Sicht verändert?
Er ist wesentlich strukturierter geworden, auch professioneller, wenn man das so bezeichnen möchte.
Es gibt mehr Teams. Viele davon tragen den Football bis in Bundesländer und Gegenden, wo Football-Spiele neben Kirtagen oder Kirmes-Veranstaltungen zu den größten Wochenendveranstaltungen einer Region gehören.
Dadurch ist die Community gewachsen.
Auch das Niveau auf dem Football-Field ist deutlich besser geworden. Das Spiel ist schneller geworden, die Playbooks der Coaches sind sicher ausgereifter und umfangreicher geworden.
Auch Coaches und Refs sind viel besser geworden.
Und die ELF war in meinen Augen ebenfalls ein toller Impact für den Sport in Europa.
Welche Rolle spielen Platzsprecher, Moderation und Gameday-Entertainment für die Atmosphäre im Stadion?
Wichtig ist: Diese Rolle spielt man nicht, man muss sie leben.
Sich einfach hinzustellen und etwas runterzuleiern, genügt nicht.
Der Sprecher kann viel bewirken, vor allem wenn die Defense am Feld steht. Man kann die Fans mobilisieren und gemeinsam mit dem DJ die musikalische Stimmung aufbauen.
Ich will es nicht überformulieren, aber Sprecher, Soundbites und passende Musik gehören einfach dazu – ohne das Spiel selbst zu stören.
Aber die Mannschaft kann vom Publikum sehr wohl zum Sieg gebrüllt werden.
Gibt es einen Gameday oder ein Spiel, das dir besonders in Erinnerung geblieben ist?
Da gibt es mehrere.
Einmal das Eurobowl-Finale 2003: Vikings gegen Braunschweig Lions in der Mercedes-Benz Arena. Das Spiel ging 14:21 aus, aber ich habe dort 8.000 Fans erlebt, die einen Höllenlärm gemacht haben. Das war mein erstes Spiel mit so vielen Fans im Stadion.
Das zweite war NFL London: Colts gegen Jaguars im Wembley Stadium am 2. Oktober 2016.
Alles war einfach XXL: Pregame-Area, Merch, London war komplett NFL-überflutet. Das waren so viele Eindrücke, die mich bis heute begeistern.
Und natürlich 2022 das Championship Game in Klagenfurt.
Du betreibst seit mittlerweile rund vier Jahren den CTVau Football Video-Log. Wie ist die Idee dazu entstanden?
CTVau war eine spontane Idee 2022 nach dem Finale der ELF in Klagenfurt.
Doris und Franz Schöndorfer von Vikingsfire und noch ein paar andere haben abends nach dem Finale darüber gesprochen, dass so etwas wie CTVau eine schöne Sache wäre.
Zwei Wochen später starteten wir.
Ziemlich aus der Hüfte geschossen – aber es hat funktioniert.
Hier auch nochmal ein Danke an Doris und Franzi.
Was möchtest du mit dem CTVau Football Video-Log zeigen, das in der normalen Berichterstattung oft zu kurz kommt?
Mit den Top-Streams und Podcasts können und wollen wir nicht mithalten.
Wir setzen auf tolle Gäste – egal ob Profis, Ladies, die Football spielen, Cheerleader oder auch ab und zu Fans, die viel zu erzählen haben.
Unser Motto ist:
CTVau – von Fans für Fans.
Das ist uns wichtig.
Wie siehst du die aktuelle Entwicklung im europäischen Football mit EFA, AFLE und den verschiedenen nationalen Ligen?
Ich sehe die Situation sehr skeptisch.
Nach dem ersten Split aus der ELF in Richtung EFA begann für mich eine sehr wilde Zeit. Da tauchten Sportmanager, Investoren und Experten auf, die alle behaupteten, die besseren Konzepte und mehr Geld zu haben.
Am Ende ging die EFA in eine Richtung und die AFLE in eine andere.
Mir wäre lieber gewesen, man hätte versucht, sich auf eine Liga zu einigen. Dass hier mächtige Egos aufeinanderprallten, hat man gesehen und gespürt.
Dieses Beharren beider Seiten nach dem Motto „unsere Liga ist die bessere“ hat dem Profisport American Football in Europa geschadet.
Fans hätten sich eine stabile Liga verdient.
Jetzt haben wir zwei Ligen: eine mit sechs sehr attraktiven Teams und eine, die aktuell nur auf wenige attraktive Teams verweisen kann. Gerade in der AFLE ist das aus meiner Sicht eine dünne Sache, obwohl sie von mir anfangs mehr Vertrauen und Vorschusslorbeeren bekommen hat.
Beides ist bei mir mittlerweile verschwunden.
Was müsste passieren, damit Football in Österreich, Deutschland und Europa noch mehr Aufmerksamkeit bekommt?
Darüber haben sich schon viele den Kopf zerbrochen.
Die NFL hat jahrelang den Boden für Football in Europa aufbereitet, wirklich genutzt haben das aber nur wenige.
Wenn ich an Berlin, München oder London denke: fantastisch. Kaum zieht die NFL wieder ab, kehrt zumindest im Profibereich wieder Tristesse ein.
Die Amerikaner zeigen vor, wie es geht.
Natürlich weiß ich: Allein in einem NFL-Spiel stecken zweistellige Millionenbeträge, die in Europa keiner investieren kann oder will.
Aber die Marketing- und Medienaktivitäten der Profiligen in Europa wirken oft lauwarm.
Das ist schade.
Welche Botschaft möchtest du allen Fans, Spielern, Volunteers, Medienleuten und Unterstützern mitgeben, die den europäischen Football weiter nach vorne bringen wollen?
Schaut euch alles genau an.
Lasst euch nicht abschrecken, Spiele zu besuchen – zumindest in der GFL oder AFL. Und wenn sich EFA und AFLE konsolidiert oder besser wieder vereint haben und die Egos wieder eingekriegt haben, dann auch dort.
Unterstützt euer Team.
Gebt diesem Team euren Support.
Alle Spieler riskieren viel, wenn sie aufs Field gehen. Sie haben sich eure Unterstützung verdient.
Denn ob dieser Sport das nächste First Down oder einen Touchdown schafft, hängt nicht zuletzt von den Fans ab.
Ein großes Dankeschön an Andreas H. Ubell, dass er sich die Zeit genommen hat, unsere 12 Fragen so offen und ausführlich zu beantworten. Andreas zeigt: Football lebt nicht nur von Spielern und Coaches. Football lebt auch von Menschen am Mikro, Volunteers, Medienprojekten, Fans und allen, die diesen Sport sichtbar machen. Football ist Community. Von Fans für Fans.