12 Questions mit Thomas Kösling
Thomas Kösling gehört zu den prägendsten Football-Persönlichkeiten in Frankfurt. Als Spieler, Coach, Sportdirektor und Head Coach der Frankfurt Galaxy hat er fast zwei Jahrzehnte Football am Standort begleitet. Im EFA-Talk spricht er über Galaxy-Football, den Titel 2021, seine Rückkehr an die Sideline, die Entwicklung von EFA und AFLE und die Zukunft des europäischen Footballs.
Von Frankfurt Universe bis Frankfurt Galaxy, vom ELF-Titel 2021 bis zur neuen europäischen Football-Landschaft: Thomas Kösling blickt im 12-Questions-Interview auf seinen Weg, die DNA der Galaxy, die Bedeutung der Fans und die Herausforderungen für European Football.
Thomas, wenn du auf deinen Weg im Football zurückblickst: Was war der Moment, in dem aus Interesse echte Leidenschaft wurde?
Die Leidenschaft hat mich früh gepackt, weil ich schnell dieses besondere Gemeinschaftsgefühl gespürt habe, das für mich die Essenz von American Football ist. Nur zusammen kann man in diesem Sport etwas erreichen. Ich hatte das Glück, viele tolle Menschen zu treffen – Coaches, Mitspieler, von mir gecoachte Spieler, aber auch Fans, Helfer und Mitarbeiter. Sie alle haben einen beeinflusst und in irgendeiner Form geprägt. Ich habe durch diesen Sport sehr gute Freunde kennengelernt. Das Besondere an so einer Reise sind die Menschen, mit denen man eine sehr intensive und emotionale Zeit erlebt und Momente schafft, die einem immer in Erinnerung bleiben. Das Schöne am Football ist: Jedes Spiel macht dich besser. In jedem Spiel können Situationen vorkommen, die du vorher noch nicht erlebt hast. Das ist das Spannende an diesem Sport. Er ist so vielschichtig wie kein anderer.
Du bist seit vielen Jahren eng mit Frankfurt Football und der Galaxy verbunden. Was bedeutet dir diese Organisation persönlich?
Der beschriebene Weg und das Erreichte mit den verschiedenen Menschen bedeuten mir sehr viel. Das fängt für mich bereits 2007 an, als die NFL Europe geschlossen wurde und Fans der damaligen Frankfurt Galaxy den eigenen Verein Frankfurt Universe gründeten. Das Ziel war es damals, von ganz unten zurück an Europas Spitze zu gelangen. Ein sehr guter Freund von mir, Martin Latka, World-Bowl-Sieger mit Frankfurt Galaxy, hat mir damals von dem Projekt erzählt. Da ich schon immer gerne Teil einer Vision und eines großen Zieles war, bin ich als Spieler zusammen mit Martin dort hingegangen, um das Ganze mit aufzubauen. Dass daraus eine solche Reise entstanden ist – mit dem Einzug in den German Bowl mit Frankfurt Universe und schließlich der Rückkehr zum Namen Galaxy mit dem Titelgewinn in der ELF – macht es umso schöner. Fast 20 Jahre habe ich jetzt in den Footballsport in Frankfurt investiert. Natürlich ist die Galaxy inzwischen ein großer Teil meines Lebens geworden. Für mich ist Frankfurt Galaxy Team, Familie, Aufgabe und auch ein Stück Identität.
Du hast die Galaxy 2021 zum ersten Champion der ELF-Geschichte geführt. Was bleibt von diesem Titel bis heute hängen?
Die Erinnerungen an den besonderen Weg mit einer Mannschaft, die nach schmerzhaften Niederlagen endlich einen besonderen Titel gewinnen konnte. Es gibt nichts Schöneres im Sport, als gemeinsam etwas zu erreichen. Dieses Gefühl bleibt für immer.
War das eher der sportliche Erfolg – oder auch das Gefühl, etwas Neues aufgebaut zu haben?
In dem Moment war es der sportliche Erfolg, weil wir so lange darauf hingearbeitet haben. Es ist etwas, auf das man mit Stolz zurückblickt. Das größere Bild, Teil einer neuen Vision gewesen zu sein, wird erst über die folgenden Jahre sichtbar, wenn man sieht, wie es sich entwickelt und welche Reise man bereits hinter sich gebracht hat.
Nach deiner Zeit als Head Coach bist du zwischenzeitlich in die Rolle des Sportdirektors gewechselt. Was hat dir dieser Perspektivwechsel gezeigt?
Ich bin jemand, der viel reflektiert. Wir waren an einem Punkt, an dem eine Veränderung wichtig war. Auch ich war sehr daran interessiert, was man anders machen kann. Deswegen war der Schritt raus aus dem Hamsterrad für mich persönlich sehr wichtig. Ich konnte aus der Beobachterrolle in Ruhe meine Zeit analysieren und sehen, wie andere Coaches arbeiten und wie gewisse Dinge auf die Mannschaft wirken. Man kann immer etwas lernen, meistens an kleinen Dingen. Ob mich das als Coach verändert hat, ist schwer zu sagen. Ich bin, wer ich bin, und ich glaube nicht, dass ich mich als Typ groß ändere. Der Schritt hat mir aber auf jeden Fall wieder Energie gegeben, um diesen Posten zu 100 Prozent auszufüllen.
Jetzt bist du wieder zurück an der Sideline. Warum war genau jetzt der richtige Zeitpunkt für deine Rückkehr als Head Coach?
Weil es die beste Option für uns als Franchise war. Im Endeffekt geht es immer nur darum: Was ist das Beste für das Team? In erster Linie freue ich mich einfach, wieder als Head Coach dabei zu sein. Auch wenn das Jahr Pause notwendig war, hat es mir doch gefehlt, direkt bei der Mannschaft zu sein. Der sportliche Reiz ist natürlich, wieder zurück in die Erfolgsspur zu kommen. Wir hatten jetzt zwei schlechtere Jahre ohne Playoffs in Frankfurt. Das kann und darf nicht unser Anspruch sein. Mit dieser tollen Franchise und den sensationellen Fans müssen wir erfolgreicher Football spielen – und dafür werden wir, und vor allem auch ich, alles geben.
Was bedeutet „Galaxy-Football“ unter Thomas Kösling konkret?
B.G.A. – Believe Grind Achieve. Wir glauben an uns, unsere Stärke und unsere Ziele. Wir werden sehr hart dafür arbeiten und alles tun, um besser zu werden, um am Ende hoffentlich gemeinsam Erfolge zu feiern. Dieses Team soll für guten Football stehen. Die Fans im Stadion sollen sehen, dass dort eine Mannschaft auf dem Platz steht, die mit Herz bei der Sache ist und harten, disziplinierten Football spielt.
Die europäische Football-Landschaft ist aktuell mit EFA und AFLE stark in Bewegung. Wie schwierig ist es als Coach, in so einer Phase Vertrauen bei Spielern, Fans und Sponsoren aufzubauen?
Wir müssen einfach ein gutes Produkt auf den Platz bringen, mit dem sich die Fans auch in einer neuen Hülle weiter identifizieren können. Die Veränderung war notwendig für die Entwicklung des europäischen Footballs. Ob es gut ist, dass es im Moment zwei Ligen gibt? Sicherlich nicht. Aber es gehört eben zum Teil des Prozesses. Wir in Frankfurt können, glaube ich, mit Fug und Recht behaupten, dass wir eines der besten Events und einen der besten Gamedays Europas auf die Beine stellen. Das wird weiterhin unser Anspruch sein. Somit können sich zumindest die Fans rund um Frankfurt sicher sein, dass sie eine gewohnte Qualität bekommen – zusammen mit der besten Liga Europas.
Viele wünschen sich langfristig wieder eine gemeinsame starke europäische Liga. Was müsste passieren, damit der europäische Football aus dieser Phase am Ende stärker hervorgeht?
Ich glaube, alle Beteiligten wissen, dass die Zukunft des europäischen Footballs in einer gemeinsamen europäischen Top-Liga liegt. Die Zeit wird zeigen, ob man sich noch einmal einigen kann. Ich glaube aber, es ist sehr schwer vorstellbar, dass es aus finanzieller und sportlicher Sicht in zwei bis drei Jahren immer noch zwei unterschiedliche Ligen geben wird. Stärker hervorgehen kann man schon jetzt durch die Erfahrungen, die man in den letzten Jahren gemacht hat. Es ist alles Teil eines Prozesses.
Eines der großen Themen im europäischen Football ist Geld: Reisen, Imports, Staff, Infrastruktur und Vermarktung. Wo liegt aus deiner Sicht die Grenze zwischen ambitioniertem Wachstum und gesundem Wirtschaften?
Für dieses Thema gibt es andere Personen, die das besser beurteilen und erklären können. Es muss immer das gesunde Maß zwischen einem guten Produkt und Finanzierbarkeit hergestellt werden. Wenn Franchises in drei Jahren immer noch sechsstellige Minusbeträge schreiben, dann wird dieses Projekt genauso scheitern, wie wenn wir kein sportliches Topprodukt auf die Beine stellen können, das die Leute in die Stadien zieht.
Worauf achtest du beim Kaderaufbau besonders?
Es ist ein Mix aus allem. Ohne Talent gewinnt man keine Spiele, aber ohne Charakter und das richtige Teamgefühl gewinnt man keine Meisterschaften. Nur wenn man diese Punkte zusammenbringt, kann man eine erfolgreiche Footballmannschaft werden. Man benötigt talentierte Spieler, die vom Charakter her mehrheitlich Teamplayer sind und verstehen, dass man nur gemeinsam in diesem komplexen Sport Erfolg haben kann. Als Coach und auch als Franchise muss man eine Identität und eine Kultur erschaffen, in der sich die Spieler wohlfühlen und für die sie bereit sind, alles zu geben. Dieser Mix entscheidet, wie erfolgreich man werden kann. Das ist das Besondere: Es fängt bei der Franchise an, geht über den Coachingstaff und bis in die Spieler hinein.
Zum Abschluss: Wenn du jungen Spielern, Coaches oder Fans in Europa eine Botschaft mitgeben könntest – was würdest du ihnen über die Zukunft des American Footballs hier sagen?
Es gab noch nie eine bessere Zeit für europäischen Football als im Moment. Für junge talentierte Spieler ist die Brücke geschlagen, um im College oder in der High School zu spielen. Coaches können sich weltweit mit endlosen Quellen verbessern und ausbilden lassen, und die Fans können Football mit den besten europäischen Spielern vor Ort genießen. Wenn wir alle weiter dranbleiben und jeder in seiner Funktion versucht, Football noch größer und bekannter zu machen und Leute dafür zu begeistern, hat dieser Sport jedes Potenzial, auch hier in Europa sehr, sehr groß zu werden. Der Traum einer europäischen Profiliga ist noch ein Traum, aber wir sind ihm in den letzten Jahren bestimmt viel näher gekommen als jemals zuvor. Believe Grind Achieve. Mal schauen, wie weit wir kommen.
Vielen Dank an Thomas Kösling für seine ausführlichen Antworten. Das Interview zeigt, wie viel Geschichte, Verantwortung und Leidenschaft im Football-Standort Frankfurt steckt – und warum European Football weiter an gemeinsamen Strukturen, Stabilität und Qualität arbeiten muss.